Open Piano for Refugees oder wenn ein Klavier zum Integrationsinstrument wird

Über Klaviere in freier Wildbahn und was das mit Integration zu tun hat. Und warum Floridsdorf rockt!

Open Piano am Wiener Hauptbahnhof
Open Piano am Wiener Hauptbahnhof (aus dem Media Kit der Homepage openpianoforrefugees)

Neulich steige ich am Bahnhof Floridsdorf aus der Schnellbahn, und schon am Bahnsteig höre ich plötzlich klassische Musik. Zuerst dachte ich, daß diese aus den Lautsprechern kommt und von der ÖBB eingespielt wurde – vielleicht zur Unterhaltung der Fahrgäste, weiß man´s ? Ich fahre mit der Rolltreppe in den Bahnhofsaal hinunter und dort – Überraschung – steht tatsächlich ein weißes Klavier, umringt von einer Menschentraube. Bespielt wird es von einem älteren Herrn, der dem Instrument wunderschöne Töne entlockt.

Klavier in freier Wildbahn

Ein ungewöhnliches Instrument für einen Straßenmusiker, denke ich noch. So ein Klavier führt man ja nicht gerade in der Tasche mit sich. Dann fällt mein Blick auf Infoflyer, die vor dem Klavier aufliegen, und ich lese zum ersten Mal etwas von der Aktion „Open Piano for Refugees“.

Open Piano for Refugees ist lt Eigendefinition ein Verein zur Förderung der öffentlichen Begegnung, Integration und Nächstenliebe. Es werden frei zugängliche Klaviere im öffentlichen Raum platziert (Bahnhöfe, Einkaufsstrassen, das Wiener MQ….)- und jeder, der möchte, darf darauf spielen. Ziel ist es, über die Brücke der Musik alle Gesellschaftsschichten zusammen zu bringen.

Integration in C-Dur

Um sich ein bisschen besser vorstellen zu können, wie so ein Open Piano aussieht, hier ein Video (YouTube) von einem Auftritt in der Wiener Innenstadt:

Open Piano for Refugees Aktion in der Wiener Innenstadt (embedded von der YouTube page des Vereines)

Musik als Mittel der Integration

Musik ist eine Kraft, die Menschen unterschiedlicher Sprache, Kultur, Religion und sozialer Schicht miteinander verbinden kann, das merkt man hier ganz deutlich. Die verschiedensten Personen setzen sich ans Klavier, bleiben stehen, hören zu, applaudieren. Und sie ist eine Sprache, die jeder versteht, ganz unabhängig von seiner Herkunft. So wie die Mathematik ist sie eine Universalsprache. Sie schlägt damit auch eine Brücke zwischen der Gesellschaft und geflüchteten Menschen. Was Worte manchmal nicht vermitteln können – Musik kann es.

Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.

Victor Hugo, franz. Schriftsteller

Googelt man die Begriffe Musik und Integration, stößt man auf viele Aktionen und Plattformen. In Deutschland gibt es das große Portal „Musik und Integration“, eine von der deutschen Bundesregierung unterstützten Zusammenfassung bundesweiter Initiativen. Ein Beispiel für ein Einzelprojekt ist das deutsche Bridges – Musik verbindet in Frankfurt. Oder das Unisono Projekt in Wien, bei dem Musikstudenten jungen Flüchtlingen Musikunterricht gegeben haben, bis hin zu einem Konzert.
Was man auch nicht vergessen darf, ist die große Bedeutung der Musik und des gemeinsamen Musizierens für Menschen mit Behinderungen (siehe zb die Homepage von Integration Wien).
Aber man muß nicht immer große Projekte auf die Beine stellen. Auch im Kleinen, zb bei Musikgruppen von Pfarren, ist Integration durch Musik möglich.

DoReMi – gemeinsam lernen

In der Zwischenzeit wurde der Herr von einer jungen Dame abgelöst, die etwas Flotteres spielt. In der aufliegenden Spendenbox lese ich, daß die Spendenerlöse in das Projekt DoReMi – das soziale Musikinstitut (ehemals piano school for refugees) fliessen. Es handelt sich um eine Musikschule, die sich der Integration verschrieben hat. Der Unterricht findet paarweise mit jeweils einer österreichischen und einer ausländischen Person statt. Geflüchtete, sozial Benachteiligte und Einkommensstärkere werden somit gemeinsam unterrichtet, wobei gilt: Zahl, soviel Du kannst!
Durch die Musik als verbindendes Element soll Integration und ein friedliches Miteinander gefördert werden. Der Unterricht findet in Deutsch statt, als Nebeneffekt wird somit auch die Sprache trainiert. Geflüchtete sind aber nicht nur Schüler, sondern arbeiten auch selbst als Musiklehrer.
Es gibt auch die Möglichkeit, im Rahmen einer Konzertvermittlung geflüchtete Musiker entgeltlich für eigene Veranstaltungen zu buchen.

Musik ist die meistgesprochene Sprache der Welt.

Psy (Park Jae-Sang, südkoreanischer Künstler, Interpret von Gangnam Style)

Fading out

Die Zeit drängt, ich muß weitergehen. Es wird immer noch gespielt, die Musik erfüllt den ganzen Bahnhof. Ganz ungewohnt. Es gibt auf der Homepage des Projektes auch einen Terminkalender, mal sehen, wann der nächste Event ist. Gut gelaunt verlasse ich den Bahnhof, die Musik wird langsam leiser.
Es war schön, zuhören zu dürfen. Und es ist gut, daß es Aktionen wie diese gibt.

Einen hab ich noch!

Bei der Recherche für den Artikel bin ich ganz am Ende noch auf den Facebook Eintrag für die Veranstaltung am Bahnhof Floridsdorf gestoßen, den ich Euch natürlich nicht vorenthalten will. 1210 rocks!

Links:
Homepage Open Piano for Refugees
Facebookseite des Projektes
Presseberichte, Medienunterlagen

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